Einführung: Astro-Mythologie

1. Mythologie in Vingilot

Astrologe, Sterngucker Mythologie in Vingilot beschäftigt sich mit Themen der europäischen Mythologie:

  • Einerseits werden in diesem Rahmen Texte veröffentlicht, die als pragmatische Grundlage für die astrologische Theorie, die ihre Archetypen der Mythologie entlehnt, dienen (Astro-Mythologie).
  • Andererseits finden sich hier themenzentrierte Analysen zu Themen der altnordischen Mythologie und Literatur (Norröna), die im Zusammenhang mit meinen Tolkien-Studien entstanden sind.

Die Astrologie entstand, nachweisbar vor 5000 Jahren im Zweistromland, als eine Weltanschauung vom harmonischen Zusammenwirken von Himmel, Erde und Mensch, verbunden in einer gemeinsamen Ordnung. Gemäß der astrologischen Theorie ist der Mensch solcherart in kosmische Prozesse integriert, dass er sich durch die symbolische Klassifikation der Planeten und Tierkreiszeichen ein Bilderbuch der menschlichen Seele (W. Knappich) geschaffen hat, Archetypen (C.G. Jung) oder Wesenkräfte (Th. Ring) als dynamische Ur-Prinzipien. Auf diese Weise korreliert seine innerpsychische Befindlichkeit mit den Funktionen und Prinzipien des Universums, entsteht in seinem Leben Sinn und Zusammenhang: Mikro- und Makrokosmos in Entsprechung und Ergänzung.

Diesen Gedanken nachzuspüren und die mythologische Denkweise dem westlichen Rationalismus wieder nahe zu bringen, dieses übergeordnete Ziel verfolgt, trotz der Spezialisierung des einzelen Textes, jeder der astro-mythologischen Beiträge in Vingilot.

Die Annäherung an die mythologischen Quellen der altgermanischen Weltanschauung führt zu einer Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Forschung der vergangenen Jahrzehnte. Die Möglichkeit, etwas über die eigenen kulturellen Wurzeln, die eigene ethnische Identität zu erfahren, lohnt Mühe und Ausdauer, die dieses Unternehmen erfordert, allemal. Schon die Fahndung nach verfügbarer Literatur zu diesem Thema verliert sich leicht in der schier unüberschaubaren Fülle der Untersuchungen, ein Korpus von Studien, der wahrscheinlich zu jedem Detail der altgermanischen Religiosität mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Theorien, Standpunkten und Spekulationen aufwartet. Die chronologische Tiefe der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Mythen und Epen der Germanen reicht inzwischen über 150 Jahre zurück, und verbindet Sprachwissenschaftler, Philologen, Historiker, Ethnologen, Literaturwissenschaftler, Volkskundler und Religionswissenschaftler nicht nur aus Deutschland, England, Island und Skandinavien, sondern auch aus anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Irland und dem Balitkum. Die Studien zu speziellen Themen der altnordischen Mythologie und Literatur, die in Vingilot vorgelegt werden, versuchen rote Fäden durch dieses Labyrinth zu legen.

Die Wahl, die man aufgrund der Mannigfaltigkeit der Untersuchungen treffen muss, ist vergleichbar der Entscheidung eines Iason, dem die Aufgabe zufiel, die Argo ohne größere Verluste durch Skylla und Charybdis zu steuern. Übertragen auf die Auseinandersetzung mit der germanischen Mythologie bedeutet dies die Wahl zwischen einer auch von Fachgelehrten schwer überschaubaren Fülle wissenschaftlicher Studien, oder dem neuerdings von Esoterik, Neopaginismus und Neofaschismus wiederbelebten Interesse an heidnischen, altgermanischen, insbesondere altnordischen Stoffen, an Göttern und Helden der germanischen Antike.

von Dr. Herbert W. Jardner, 1998.



2. Astrologie, Mythologie, Psychologie

Radixhoroskop, schematisch In seinem Vortrag auf dem Astrologie-Weltkongress in Luzern (Juni 2000) sprach Richard Tarnas von der tiefen spirituellen Krise des modernen Menschen und seinem noch zögernden, spirituellen Erwachen sowie einer neuen geistig-visionären Kultur. Nachdem die zunehmend raumgreifende Naturwissenschaft zuerst die die Erde umgebenden zehn Sphären des Aristoteles zerschlagen hatte, die Philosophie schließlich erklärte Gott sei tot (F. Nietzsche) und der erste Mensch im All Gott als alten Mann mit weißem Bart nicht finden konnte (J. Gagarin), fand sich der Mensch aus allen tragenden Zusammenhängen herausgelöst, in der Unendlichkeit eines für ihn ungreifbaren und kaum strukturierbaren Universums wieder. In einem derartig entzauberten Raum finden Seele und Bewusstsein keinen Platz mehr; Subjekt (intrapsychisch) und Objekt (interpersonell) scheinen unversöhnlich gespalten. Inneres (der Mensch mit seinen Gefühlen und Gedanken) tritt mit Äußerem (die Welt der Gegenstände) nur noch als Gegensatz in Beziehung. Astrologie, Mythologie, Psychologie greift diese Themen grundsätzlich auf.

Vor diesem Hintergrund macht die Frage neugierig, was es denn nun mit der Astrologie auf sich hat, die sich in Europa und den USA seit einigen Jahrzehnten auf ihre Rolle als psychologische Diagnostik und erneut ernstzunehmende geisteswissenschaftliche Disziplin vorbereitet. Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang, dass der Nutzen einer seriösen Astrologie dem Schaden der auf Boulevardniveau herabgesunkenen Vulgärastrologie proportional ist.

Die Astrologie entstand, nachweisbar vor 5000 Jahren im Zweistromland, als eine Weltanschauung vom harmonischen Zusammenwirken von Himmel, Erde und Mensch, verbunden in einer gemeinsamen Ordnung. Gemäß der astrologischen Theorie ist der Mensch solcherart in kosmische Prozesse integriert, dass er sich durch die symbolische Klassifikation der Planeten und Tierkreiszeichen ein Bilderbuch der menschlichen Seele (W. Knappich) geschaffen hat, Archetypen (C.G. Jung) oder Wesenkräfte (Th. Ring) als dynamische Ur-Prinzipien. Auf diese Weise korreliert seine innerpsychische Befindlichkeit mit den Funktionen und Prinzipien des Universums, entsteht in seinem Leben Sinn und Zusammenhang.

Der Mikrokosmos ist die kleine Welt der Menschen, der Makrokosmos die große Welt, das Universum. Der Philosoph Ernst Cassirer würdigte die Geschlossenheit des astrologischen Weltbildes als den großartigsten Versuch einer systematisch-konstruktiven Weltbetrachtung, der je vom menschlichen Geist gewagt wurde. Manche bezeichnen die Astrologie deshalb wohl auch als den Königsweg der Esoterik.

von Dr. Herbert W. Jardner, 1997.



3. Odysseus, Kassandra und der Heilige Geist

Carina Paulitsch, Kassandra Die Welt der griechischen Antike und eines großen Teils außereuropäischer Kulturen ist unberechenbar von ergreifenden Atmosphären durchzogen. Diesem Gedanken zu folgen dienen die mythischen Protagonisten Odysseus und Kassandra. Der Essay Odysseus, Kassandra und der Heilige Geist greift die Thematik solcher leiblich (psychisch) spürbarer Atmosphären auf, deren Autorität für jeden den Gipfel unbedingten Ernstes erreicht (vgl. Hermann Schmitz). Der Gipfel des unbedingten Ernstes ist die beinahe charismatische Autorität des Göttlichen, welcher der sich der Mensch, trotz seines Vermögens sich zu distanzieren und Kritik zu üben, bewusst unterwirft.

Den Menschen ergreifende Gefühle können folglich als bestimmte Personen, als Götter, in Erscheinung treten. Zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten und in bestimmten Situationen werden quasi in der Luft liegende Atmosphären als Gefühle erfahren. In der Auseinandersetzung des Menschen mit diesen Atmosphären können diese sich zu Personen verdichten. Das Numinose, das Rudolf Otto entdeckt und beschrieben hat, ist eine solche göttliche Atmosphäre für jeden, dem sie widerfährt und zugleich ein typisches Vorgefühl der göttlichen Gefühle in ihrer unermesslichen Vielgestaltigkeit.

Unverkennbar in der Flut der Fantasy- und Science Fiction-Literatur oder in zahlreichen Computerspielen, die ihre Inspiration eindeutig der Mythologie verdanken, zeigt sich ein unstillbarer Hunger nach Bildern und Symbolen, welche die Sinndiskussion der rezenten westlichen Kulturen schon lange nicht mehr befriedigen kann. Die moderne kapitalistische Ethik mit ihrer einseitig rationalistischen Weltauffassung, welcher der moderne Mensch unterworfen ist, hat inzwischen dazu geführt, dass diesem kaum noch eigene Bilder aus dem Unbewussten entgegenwachsen. Programmiertes Heldentum ist gefragt, damit berechenbare und vorausplanbare Identifikationen entstehen können, die, medial gesteuert, zu normiertem Erleben und Erfahren führen. Ein reduziertes Angebot an Geschichten und Bildern, welche die aus dem kindlichen Unbewussten strömenden Symbole individuell mit Leben erfüllen, und dem heranreifenden Menschen eine angemessene Realitätsprüfung erlauben, steht eine wachsende Flut von medial konstruiertem Bildmaterial gegenüber, das jegliche Phantasie im Keim erstickt.

Sache des Mythos ist die Darstellung, ein Hörbarmachen atmosphärischer Qualitäten. Mythos ist Aussage, ist verlässlicher Bericht über das im Atmosphärischen Gespürte, Erblickte und Gehörte, das räumlich ausgegossen in die menschliche Erfahrung hereinbricht. Mythische Erzählungen sind immer ein hinweisendes Sprechen, ein Sprechen, das helfen soll, in der Wirklichkeit einen bestimmten Gott als solchen zu erkennen, deshalb wird erzählt, wie er anderen begegnet ist.

Mythen beruhen auf der Erfahrung der Wirkung göttlicher Kräfte auf den Menschen, und auf der Nutzbarmachung der damit verbundenen Energien durch ihn. Sie zeugen vom Gespräch mit den Göttern. Begegnungen dieser Art erlebt der Mensch als emotional ergreifend und numinos; die Auseinandersetzung mit seiner Ergriffenheit führt den sinnsuchenden Menschen zur mythischen Gestaltung und unterscheidet diese von rein dichterischer Phantasie und Fiktion. Das hinweisende Sprechen der Mythen hat allerdings konjunktivischen Charakter – es verweist allein auf die jeweils mögliche eigene Erfahrung mit dem Göttlichen. Nur gemessen an solchen Erfahrungen gewinnen mythische Erzählungen sinn- und identitätsstiftende Glaubwürdigkeit und Legitimität, stabilisieren sie die Weltanschauung einer Gemeinschaft. Den Mythos richtig aufgefasst bedeutet allerdings das Zugeständnis, dass die Götter Voraussetzung, nicht nur Gegenstand der mythischen Rede sind. Übersinnliche Erfahrungen müssen erst gemacht werden, Göttern muss man erst begegnen, bevor von ihnen erzählt werden kann. Der Mythos endet da, wo unmittelbare atmosphärische Erfahrungen nicht mehr stattfinden, wo eine dogmatische Theologie nach dem An-Sich-Sein mythischer Protagonisten fragt, wo starre Theorie an die Stelle dynamischer Erfahrung tritt.

von Dr. Herbert W. Jardner, 1998.



4. Zeus - Jupter - Ódinn

Jupiter astronomisch Gegenstand der Studie Zeus - Jupiter - Óðinn: Untersuchungen zum astrologischen Prinzip Jupiter ist die mythologische Basis eines Symbolismus, den die moderne Astrologie mit dem Namen der römischen Gottheit Jupiter verbindet. Dem gleichnamigen Planeten unseres Sonnensystems gibt diese römische Gottheit seinen Namen.
Archetypen gehören zu den primären Faktoren menschlichen Erlebens; sie sind angeborene Bereitschaftssysteme für Verhalten und Handeln, die psychische Elemente auf eine Weise zu Bildern und Symbolen anordnen, die immer erst aus ihrer Wirkung erkannt werden können. Jeder Mythos knüpft an eine archetypisch motivierte Vision an, die unanschaulich Psychisches - Affekte, Empfindungen, Gefühle und Gedanken - in eine kulturspezifisch nachvollziehbare Symbolik kleidet und bewusst verankert.

Zeus with eagle & lightning, Athenian red-figure amphora C5th B.C., Musée du Louvre, Paris Die Charakterisierung der Götter-Könige Zeus, Jupiter und Óðinn weist deutlich auf ihren historischen Wandel von einer unberechenbaren Naturgottheit himmlisch-atmosphärischer Phänomene zu einem, allem Menschlichem überlegenen Weltenherrscher hin. Die Mythologien und Dichtungen klassischer Autoren schildern diese Gottheiten mächtig, aber keineswegs allmächtig. Dazu sind sie viel zu sehr in die Handlungen und Werke der Sterblichen verwoben. Im Falle des Zeus-Sohnes Sarpedon, den er vor dem Zorn des Patroklos im Trojanischen Krieg gerne nach Kreta entführt und so gerettet hätte, muss er auf die anderen olympischen Götter Rücksicht nehmen. Insbesondere Hera warnt ihren Gatten: da auch die anderen Götter Söhne in diesem Krieg verloren hätten, könne er seinen eigenen nicht einseitig schonen.
In Zeus, Jupiter und Óðinn tritt deutlich die Beziehung indoeuropäischer Himmelgötter und Götter-Könige zu den am Himmel beobachtbaren atmosphärischen Phänomenen in Erscheinung. Dies schildern besonders anschaulich die Mythen und Legenden über den nordgermanischen Óðinn und den west- und kontinentalgermanischen Wodan / Wotan, die beide den als mit Donner und Blitz durch das Land peitschenden Sturmwind beschreiben.
Aber auch Óðinn und Wodan stellen mehr als nur luftige Atmosphäre und Sturmwind dar. Als indoeuropäische Götter-Könige sind sie nicht allein die gestaltgewordene Atmosphäre des Windes, der Luft und des himmlischen Feuers. Zeus, Jupiter und Óðinn verkörpern auch, wenn auch nicht von Beginn an, die Atmosphäre des Herrschaftlichen, der beglückenden Besinnung und Erkenntnis, der in Glück, Freude und Frieden spürbaren Weitung der Brust, die dem aufmerksamen Beobachter vor allem in der Weite des Himmels erfahrbar wird. Außerdem enthält ihre Mythologie deutliche Merkmale schamanistischer Initiation, Ekstasefähigkeit, prophetischer Erkenntnis und Weisheit.

von Dr. Herbert W. Jardner, 2000.



5. Lichtträger in dunkler Zeit

Camille Claudel, Portrait Die gründliche Untersuchung der mythologischen Basis astrologischer Symbole befindet sich in den Kinderschuhen. Insbesondere über den noch neuen (Klein-)Planeten Chiron liegen kaum überzeugende Studien vor, die dessen Bedeutung für die astrologische Theorie, geschweige denn für die Praxis, ausreichend verifizieren können. Als gälte es, eine Lücke zu füllen, hat sich die wissenschaftliche astrologische Gemeinschaft in den letzten Jahren mit einem einzigen Merkmal des mythologischen Chirons beschäftigt, mit dessen unheilbarer Wunde. So entstand ein aktuelles Dogma: Die Repräsentanz Chirons im Radixhoroskop repräsentiere eine schwer zu heilende Verletzung des Horoskopeigner.
Diese Festlegung wäre nicht das erste Beispiel in der Forschungsgeschichte der Astrologie, das belegt, dass eine solche einseitige Fixierung nicht lange aufrechterhalten werden konnte.

Chiron der Kentaur Erst neuerdings hat Richard Tarnas einen berechtigten Einwand gegen die voreilige Benennung des Planeten Uranus vorgelegt. Seine Argumentation belegt eindrucksvoll, wie wichtig profunde mythologische Kenntnisse für Astrologen sind (Uranus und Prometheus, Zollikon, 1996; vgl. auch Jardner, Urbild des Rebellen).
In einer Zeit, in der die Astrologie mit einer beinahe inflationär anmutenden Erweiterung ihrer Deutungsfaktoren konfrontiert wird, deren symbolischer Umfang und deren analoge Bedeutung noch unzureichend erforscht sind, scheint eine Rückbesinnung auf ihr mythologisches Fundament geraten. Ignoriert man die Erfahrung der Fehlbenennung des Planeten Uranus, könnten in Zukunft ähnliche Diskussionen um die Berechtigung der Namen der Kleinplaneten folgen. Im Moment basiert Chirons symbolische Bedeutung auf zwei Vorschlägen:

  • einerseits auf seinem Bahnverlauf zwischen Saturn und Uranus, aufgefaßt als Pontifax zwischen der körperlich-materiellen Sphäre Saturns und der geistig-immateriellen des Uranus;
  • andererseits hat sich die Diskussion auf Chirons Rolle als verletzter Heiler konzentriert.

Die Studie Lichtträger in dunkler Zeit beschäftigt sich mit der Mythologie der Planeten Jupiter und Chrion und fragt nach deren symbolischem Bedeutungsspektrum,

  • wie es in der antiken Mythologie konzipiert wurde und
  • wie es die moderne Astrologie in ihrer Deutungspraxis verwendet.

Im Vordergrund steht dabei allerdings die Frage nach dem Zusammenwirken dieser beiden Planetenprinzipien (Wesenskräften nach Thomas Ring), das am Beispiel der Entwicklungsaufgaben Jugendlicher in der Pubertät erläutert wird.

von Dr. Herbert W. Jardner, 1999.



6. Jupiters schmutziges Gesicht

Zeus-Plastik Auch AstrologInnen neigen dazu, zu idealisieren, wenn vom Planeten Jupiter die Rede ist, denn gerne denkt (wünscht) man ihn sich positiv.
Der Studie Jupiters schmutziges Gesicht. Dogmatismus, Fundamentalismus und Terrorismus entstand als Reaktion auf die Ereignisse des 11. Septembers 2001. Die damals besonders markante Position Jupiters wirft Fragen nach dessen negativer Repräsentanz auf.
Die Mythologie der antiken Gottheiten Jupiter (oder Zeus) ist ambivalent, berichten die Mythographen doch von seiner Illoyalität, seinen Intrigen, seinem Verrat und seiner Treulosigkeit Göttern und Menschen, insbesondere aber den von ihm gezeugten und geliebten Helden gegenüber.
Die verabscheuenswürdige Zerstörung der Türme des World Trade Centers und der Tod so vieler Unschuldiger steht im Zeichen einer Hybris, die sich auf wirtschaftlichem Imperialismus und dogmatischem Idealismus gründet. Die architektonische Dimension der beiden Türme des World Trade Centers sowie das Ausmaß des Anschlags zeugen von jupiterhafter Hybris, erinnern sie doch gleichzeitig an die alttestamentliche Katastrophe, die vom Einsturz des Turms zu Babel, Symbol maßlosen Expansionswillen der frühen Menschheit, berichtet.
Die aktuelle Zeitqualität des politischen Diskurses zwischen den Weltkulturen wird von einer markanten Opposition beeinflusst: Saturn und Pluto transitieren am Übergang zum 21. Jahrhundert durch zwei Zeichen, die gemeinsam eine der Achsen (3 / 9) des Tierkreises bilden, und die durch Qualitäten charakterisiert sind, die mit der geistigen Entwicklung der Menschheit zusammenhängen.
In Zeiten einer Pluto-Saturn-Opposition, das zeigt der historische Rückblick, geht es darum, die alte Weltanschauung (Schütze) zu eliminieren (Pluto), um neue Formen der Kommunikation und Nachbarschaft zu diskutieren (Zwillinge) und Gestalt zu geben (Saturn). Und da wir es selten mögen, wenn unsere Schwächen deutlich werden, verbergen wir unsere Schattenseiten und Unzulänglichkeiten, die der transitierende Saturn dann anspricht und zum Vorschein bringt. Nach außen erwecken wir den Anschein, alles sei in Ordnung, nach innen sind wir unsicher und haben das Gefühl, nicht zu genügen. Von einer solchen Opposition beeinflusst, verlieren wir dann, im günstigen Falle, unsere Maske; die empfindlichen und ungeschützteren Teile unseres Psyche werden freigelegt – individuelles und gesellschaftliches Ego liegen am Boden. Saturn ist der Planet, der individuelle und kollektive Grenzen berührt, und wenn der laufende Pluto einen Aspekt zu ihm bildet, wird eine Kraft in Gang gesetzt, welche die Begrenzungen, Einschränkungen und Hemmnisse deutlich werden lässt, die uns auferlegt sind.

von Dr. Herbert W. Jardner, 2002.



7. Die Chiron-Texte

Chiron and Achilles, Georg Clement de Swiecinski Die prinzipielle Schwierigkeiten der Mythologie Chirons aufgreifende Abhandlung Das Antlitz Chirons diskutiert die Mythologie, Psychologie und Astrologie Chirons und beschreibt den Kentauren im Zusammenhang mit den mythologischen Quellen nicht allein als verletzten Heiler, wie es die augenblickliche astrologische Diktion wünscht, sondern auch als eine Persönlichkeit, die den Schamanen, den Heiler und den Mysteriengründer umfasst. Zwei Texte in Vingilot widmen sich ausführlich diesem Thema:

Chiron astronomisch Die prinzipielle Schwierigkeiten der Mythologie Chirons aufgreifende Abhandlung Das Antlitz Chirons. Mythologie, Psychologie und Astrologie Chirons beschreibt den Kentauren im Zusammenhang mit den mythologischen Quellen nicht allein als verletzten Heiler, wie es die augenblickliche astrologische Diktion wünscht, sondern als eine Persönlichkeit, die den Schamanen, den Heiler und den Mysteriengründer umfasst.
Die Diskussion um den Kleinplaneten Chiron hat mittlerweile eine erstaunlich naive Einseitigkeit erreicht, die sich weder mit dem Archetypus, den Chiron eigentlich repräsentiert, noch mit den antiken Quellen und Mythologien vereinbaren lässt. Nachdem Melanie Reinhart ihn zum verletzten Heiler stilisierte, ist er durch die neueste Monographie der inflationär werdenden Chiron-Literatur zur innerpsychischen Stimme eines fiktiven inneren Lehrers, gar zu einem Seelenführer geworden. Während für die griechische und römische Antike Hermes-Merkur die Rolle des Psychopomps ausfüllte, war ihnen die Stimme des Gewissens ein palladisches Numen, personifiziert insbesondere in der kopfgeborenen Tochter des Zeus, nämlich Pallas Athene beziehungsweise der römischen Minerva oder christlichen Sophia. Erst ein dekadentes, römisches Sublimationsbedürfnis verwandelte den affektgeleiteten, triebhaften und wild-archaischen Kentauren Chiron in die Gestalt, welche die moderne Astrologie gerne in ihm sehen möchte: den kultivierten Philanthropen, Phytotherapeuten und Menschenfreund, der in stoischer und bewundernswerter Gelassenheit die ihm zugefügten Kränkungen und Verletzungen erduldet. Erst in dieser Verfremdung, die kaum noch etwas mit Chirons Ursprung zu tun hat, taugt er uns Nachgeborenen als eine Ikone, die hell am Himmel des Jahrtausendwechsels strahlt, um dem heutigen, zunehmend orientierungslos werdenden Menschen als Projektionsfläche eigener traumatischer Befindlichkeit zu dienen.
Wichtigstes Ziel dieser Chiron-Studie ist die Flexibilisierung der astrologischen Diktion vom verletzten Heiler. Darüber hinaus soll sie als Mythologie für praktizierende Astrologen diesen den Weg durch die komplexe Mythologie des Kentauren Chiron weisen. Sie soll zukünftiger astrologischer Deutung und Theorie fundierte Argumente zur Verfügung stellen, mit denen die Position Chirons in den astrologischen Zeichen und Häusern nachvollziehbar bestimmt und verstanden werden kann.


Der astro-biographische Essay Im Schatten des Kentauren. Chiron im Leben von James Dean erörtert das Geburtshoroskop des ersten Teenagers Amerikas, James Deans. Sein Radixhoroskop liefert ein ausgezeichnetes Beispiel für die biographische Relevanz eines starken chironischen Einflusses.

Chirons Position in Deans Horoskop im Tierkreiszeichen Stier repräsentiert eine Verlustthematik, womit Sicherheit, Selbstwertgefühl und Stabilität - die eigenen Werte und Ressourcen - als brüchig erlebt werden. Sich wertlos fühlen, im Unklaren über den eigenen Körper bleiben, unsicher über die eigene Persönlichkeit zu sein, über seine Sexualität und geschlechtliche Identität, führt zu den Identitäts- und Selbstwertzweifeln die James Dean in seinem Schauspiel so expressiv inszenierte.

James Dean, Portrait Die Schwierigkeit, bestehende Grenzen zu akzeptieren, sich selbst eigene zu setzen (Chiron in Stier), die tiefe Verunsicherung, die es verhindert, sich auf jemanden zu verlassen, mangelndes Vertrauen in den eigenen Körper, ein Misstrauen den eigenen Empfindungen gegenüber, sind Eigenschaften, die Dean immer neu in die Einsamkeit führten, der er schon als Kind ausgesetzt war.
Diese Themen auf der Bühne darzustellen, schien ihm als Erlösung, um dem mangelnden Gefühl für den eigenen Wert für kurze Zeit zu entfliehen, dem Empfinden, nichts wert zu sein, sich unvollkommen und mit Fehlern behaftet zu fühlen.

von Dr. Herbert W. Jardner, 2000.



8. Das Urbild des Rebellen

Uranus astronomisch Die Studie Urbild des Rebellen geht der Frage nach, die schon Richard Tarnas stellte, ob nun Uranus oder Prometheus im elften Tierkreiszeichen und Haus herrschen soll.
Angesichts der Verankerung des Planetennamen Uranus in Astronomie und Astrologie erscheint eine solche Frage provokant und ketzerisch. Trotzdem ist begründet und vernünftig. Sie basiert vor allem auf der These, dass zwischen dem astrologischen Prinzip Uranus und dem Ouranos der griechischen Mythologie so gut wie keine Korrespondenzen bestehen.

Der Adler frisst Prometheus Leber Den Argumenten von Richard Tarnas ist eigentlich kaum etwas hinzuzufügen, erörtern sie doch unmissverständlich, was vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstandes über die astrologische Signatur Uranus gesagt werden muss. Dennoch lohnt es sich - ganz im Sinne eines prometheischen Impulses - über Tarnas Einwände hinaus zu denken, um im Vergleich der Mythologeme Gestalt und Wesen von Ouranos und Prometheus deutlicher zu fassen, um ihre Eigenschaften auf archetypischer Grundlage exakter zu definieren, als Tarnas dies getan hat. Die Argumentation in Urbild des Rebellen ist diesem Vorhaben gewidmet; erst genauer geeichte Kriterien ermöglichen es, die elfte Ur-Energie als »Prometheus« für die astrologische Forschung neu zu verstehen.

Prometheus stiehlt das götliche Feuer Die Mythologie des Prometheus enthält überzeugende Aspekte, die als archetypische Repräsentanz jener Energie betrachtet werden kann, die bisher mit dem astrologischen Namen Uranus verbunden wurde. In der Astrologie steht der Name Uranus nämlich geradezu für die Gelegenheit zur Veränderung, für das Abbrechen obsolet gewordener Strukturen, die in jahrzehntelanger Sozialisation durch Eltern, Lehrer und gesellschaftliche Überzeugungssysteme im Individuum angelegt wurden; hier ist er der große Gegenspieler Kronos-Saturns. Plötzlich zugemutete Schockwirkung, Zerbrechen der biographischen Kontinuität und stürmische, intellektuelle oder geistige Prozesse sind die hervorragenden Merkmale des astrologischen Uranus. Es ist aber Prometheus, nicht der mythologische Ouranos, der wendig im Denken, und der - wie erörtert - vor allem findig im Planen ist, wie es bei Hesiod heißt. Aischylos nennt ihn den mit einem ungeheueren Wissen, auch Vorauswissen, begabten.
Die Uranus-Aufgabe, die jedem ins Geburtshoroskop geschrieben ist, richtet sich - wie das Wirken Prometheus - auf technische und soziale Utopien, die sich anders als bei Ouranus oder Saturn, in offensivem und vorwegnehmendem Handeln ausdrücken. Prometheus verkörpert eine schöpferische Intelligenz, die als Entwicklungsimpuls aufgegriffen werden muß, will man der uranischen Energie nicht mit Plötzlichkeit und Unwägbarkeit zum Opfer fallen.

von Dr. Herbert W. Jardner, 2001.



9. Der Abstieg in die Unterwelt

Pluto astronomisch Die noch fragmentarische Skizze Der Abstieg in die Unterwelt: Pluto in Mythologie, Psychologie und Astrologie ist die starkt gekürzte, in dem astrologischen Magazin MerCur (6, 2001) publizierte Version der mythologischen Interpretation Plutos (Tod, Erneuerung und Wiedergeburt: Pluto in Mythologie und Astrologie, die überarbeitet später in Vingilot neu veröffentlicht werden soll.

Hades und Persephone Pluto ist Herrscher über eine ganz besondere Unterwelt, die Innenwelt der menschlichen Psyche. Zwangsläufig repräsentiert Pluto deshalb auch den Schatten, den Doppelgänger, das abgelehnte Böse, für das Goethe den Namen Mephistopheles fand, und der zuletzt nichts anderes ist als Fausts leidenschaftliches Streben nach Selbstverwirklichung und Verwandlung seines Selbst. All die verleugneten, deshalb aber nicht unbedingt minderwertigen Anteile einer Persönlichkeit, archaische Einstellungen von mitunter gewalttätiger psychischer Energetik, unterliegen dem Einfluss Plutos, mit anderen Worten: die Abgründe der menschlichen Seele. Pluto besitzt eine unmittelbare Assoziation zum Dämonischen. Er wird - wie die Mythologie zeigt - eher mit dem Unterweltlichen (Hades, Hölle) als mit dem himmlischen Elysium verbunden wo sein Bruder Jupiter und die anderen Olympier herrschen. Zwang, Unterdrückung, Missbrauch, Besessenheit und Manipulation sind Aspekte der dunklen Seite Plutos, Transformation, Erneuerung und Wiedergeburt dienen seinem schöpferischen Aspekt.
Die plutonischen Energien – Wille, Macht, Leidenschaft, Kontrolle, Suggestion und Manipulation - sind nicht nur schöpferisch und nicht nur zerstörerisch, sondern das eine durch das andere und nur im Zusammenhang mit menschlichen Motiven und Intentionen; seiner kaum kontrollierbaren Dynamik überlässt man sich am besten gelassen und akzeptierend, da ihrem Einbruch in biographisches Ringen nichts entgegengesetzt werden kann.
In der religiösen Ekstase antiker Mysterien stand die Deifikation des Mysten im Mittelpunkt der Riten, von denen Hippolytos sagte, Das ist das »Erkenne dich selbst«. Und in der Skorpion-Phase des Tierkreises strebt der Mensch zuallererst danach, sich selbst zu erkennen.

von Dr. Herbert W. Jardner, 1999.