Einführung: Nordische Mythologie

1. Norröna in Vingilot

Landschaft mt Birken Norröna bezeichnet die Gesamtheit der altnordischen Literatur, welche die Kulturen Skandinaviens hervorgebracht haben. Norröna in Vingilot ist Bestandteil des Mythologie-Bereichs von Vingilot.

Norröna in Vingilot beschäftigt sich bevorzugt mit den Gattungen der tief in die altnordische Mythologie hineinreichenden poetischen Dichtungen der Edda und den Sagas der frühgeschichtlichen isländischen Kultur und des benachbarten Sagas der frühgeschichtlichen Norwegens: den Dichtungen der Lieder-Edda sowie der Snorra-Edda, daneben den Saga-Gattungen Fornaldarsögur, Íslendingasögur, Riddarasögur und dem von Kurt Schier und Jürg Glauser als Märchensagas bezeichneten Erzählungen. Dieser Gegenstand bildet auch die Schnittstelle zwischen dem Norröna- und Tolkien-Bereich in Vingilot.

Die in Vingilot publizierten Abhandlungen beschäftigten sich bisher vorwiegend mit Fragen zum Óðinn-Mythologem. Diese Texte verfolgen Stellung, Funktion und Charakter dieser Gottheit in der überlieferten Mythologie, insbesondere in den eddischen Dichtungen, greifen aber über diese hinaus auch andere skandinavische Quellen und wissenschaftliche Untersuchungen auf. Dabei stehen die Informationen aus den frühgeschichtlichen isländischen und skandinavischen Texten (gelehrte mittelalterliche Urgeschichte) neben den moderen Analysen der Nordistik.

Die norrönen Studien in Vingilot beginnen mit den erwähnten Óðinn-Texten und führen in einem weiteren Schritt, in Mál er at þlja, zum Gegenstand der mündlichen Dichtung über, die im Ritual in formelhafter Sprache vorgetragen, das Ritual strukturiert und dessen Durchführung gewährleistet.

Die Produktion altnordischer, besonders altisländischer Texte, eddische Dichtung und Sagaliteratur, bewegt sich im Spannungsfeld mündlichen und schriftlichen Dichtens. Dieser narrative Prozess ist nicht evolutiv aufzufassen, stellt keine Entwicklung von mündlicher Dichtung zu schriftlicher Textproduktion, von oralen zu literalen Werken dar. Auch die epische Dichtung lässt sich nicht auf einen Prozess reduzieren, der den Eindruck erweckt, narrativ-epische Texte seien ursprünglich oral komponiert, und erst im Verlauf ihrer Überlieferung von Kompilatoren oder von Schreibern zunehmend in ihre schriftliche Form transformiert worden.

Die überlieferte altnordische Literatur umfasst die beiden erwähnten Gattungen, die intern weiter untergliedert werden können in die eddische Vers-Dichtung (Poesie) und die Sagaliteratur, reine Prosatexte oder Prosa und Poesie in zusammen- hängenden Texten kombinierte Mischprosa.

von Dr. Herbert W. Jardner, 1998.



2. Die altnordische Dichtung

Zeichnung, Odin Totengott

Im Zusammenhang mit der Abhandlung Mál er at þlja, die gebundene Sprache und rituelle Rede in der altnordischen Literatur exemplarisch untersucht, bietet die grundlegende Studie Die altnordische Dichtung: Eine kritische Einschätzung ihrer Funktion und Bedeutung einen Überblick über die wesentlichen Charakteristika der altnordischen Literatur. Gedacht ist sie als Einführung in die weitaus komplexere Darstellung von der Studie Mál er at Þylja.

Die Fahndung nach verfügbarer wissenschaftlicher Literatur zum Thema der altnordischen Dichtung verliert sich in der unüberschaubaren Fülle der Untersuchungen, ein Korpus von Studien, der wahrscheinlich zu jedem Detail der altgermanischen Religiosität mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Theorien, Standpunkten und Spekulationen aufwartet. Die chronologische Tiefe der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Mythen und Epen der Germanen reicht inzwischen über 150 Jahre zurück, und verbindet Sprachwissenschaftler, Philologen, Historiker, Ethnologen, Literaturwissenschaftler, Volkskundler und Religionswissenschaftler nicht nur aus Deutschland, England, Island und Skandinavien, sondern auch aus anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Irland und dem Balitkum.

Die poetische und prosaische altnordische Literatur tradiert weitgehend die dichterische Darstellung einer kulturspezifischen Weltanschauung, die Geschichte einer Kultur und das gesellschaftlich vorbildliche Handelns einer Ethnie, die in die Frühgeschichte Europas als die Wikinger eingegangen ist. Mit dem Ende der skandinavischen Wikinger-Kultur verliert eine Tradition, kurz vor der christlichen Missionierung des europäischen Nordens, ihren Sitz im Leben, deren Entwicklung und Ausgestaltung die Jahrhunderte der germanischen Migration in Kontinental- und Nordeuropa begleitet hat. Das in dieser Literatur idealisierte Konzept gesellschaftlichen, tugendhaften und moralischen Handeln orientiert soll sich an den in der Mythologie formulierten Konzepten, seine Legitimation findet es in den dort überlieferten Normen und Werten, sein Ethos bezieht es aus Ereignissen der Vergangenheit, die mit dem Leben der Götter und Ahnen, den Protagonisten dieser literarischen Überlieferungen verbunden sind.

Die Verbreitung der germanischen Götter-, Helden- und Schöpfungsmythologie ist den skandinavischen Wikingern zu danken, die mit Beginn des 7.Jahrhunderts ganz Europa überfluteten; in ihrem Gefolge erlebten die germanischen Kulte ein Revitalisierung. Die indigene Überlieferung der germanischen Weltanschauung steht uns heute in unterschiedlichen Quellenarten zur Verfügung.

Genauer betrachtet offenbaren die Überlieferungen ein äußerst buntes und vielschichtiges Bild, in dem sich Mythen, Epen, Märchen, volkstümliche Erzählungen, Rechts- und Merksprüche, Sprichwörter oder magische Formeln sowie Gebete inhaltlich mehrdimensional durchdringen. Parallel dazu verläuft die Tradition der mit der christlichen Missionierung einsetzenden, mittelalterlichen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesen Genren, die eigenständige Werke hervorbrachte, deren Entstehung sich auf Erkenntnisinteresse oder Traditionsbewahrung zurückführen lässt. Der größte Teil dieser schriftlichen Überlieferungen ist nordeuropäischen Ursprungs, geht auf die Nordgermanen zurück, geographisch auf Skandinavien und Island. Die Mythen und Epen der Süd- oder Kontinentalgermanen sind allenfalls in Spuren überliefert. Nennenswerte schriftliche Überlieferungen existieren nicht mehr.

Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass es sich bei den Mythen aller Kulturen und aller Zeiten in ihrer ursprünglichen Form um mündlich komponierte und tradierte Texte gehandelt hat, um mündliche Dichtungen, die für ihre Weitergabe eine besondere Form verwendet haben, und dass sie in einen spezifischen kulturellen Kontext rituell eingebunden waren. Als poetische Texte sind Mythen allerdings keine beliebigen Texte: Sie sind in einer gebundenen Sprache komponierte Dichtung, als solche Teilgebiet der Literatur und doch nicht unbedingt an die Schrift gebunden. Für die Bestimmung dessen, was Dichtung ist, hat Hermann Schmitz eine präzise Definition entwickelt. Das Besondere von Dichtung sieht er im Anspruch an die Form und in der Empfindlichkeit gegenüber Übersetzungen.

von Dr. Herbert W. Jardner, 2003.



3. Die Óðinn-Texte

Zeichnung, Odin, Shaman of the Norse, by Arteal Vingilot veröffentlicht inzwischen bereits vier eng miteinander verbundene Texte über Gestalt und Mythos der altnordischen Gottheit Óðinn:

Gemeinsam verfolgen diese vier Studien das Ziel, mythologische Rolle und Funktion dieser altnordischen Gottheit zu charakterisieren. Dabei wird ein besonderer Schwerpunkt auf den religiösen und kulturellen Kontext gelegt. Absicht dieser Studien ist auch, diejenige antike Weltanschauung zu beleuchten, die als die germanische bezeichnet wird. Das Mythologem des Asen Óðinn in der altgermanischen Mythologie steht zwar im Vordergrund dieser Analysen, gleichzeitig wurde aber auch der Versuch unternommen, die altgermanische Kultur aus ethnologischer Perspektive nachvollziehbar zu beschreiben.

Beginnend mit einer kurzen etymologischen Darstellung der beiden Namen Óðinn und Wodan, die nord- und kontinentalgermanische Repräsentation dieser Gottheit (Óðinn-Wodan - Eine kurze Etymologie), verfolgt die zweite Studie die mythische Konzeption dieses Gottes in den nordgermanischen Quellen des skandinavischen Mittelalters (Óðinn - Portrait eines Gottes) in Funktion und Gestalt Óðinns.

Wenn auch bereits im zweiten Text erörtert, geht die Studie Ekstase und Bewusstseinserweiterung erneut, diesmal spezieller und intensiver, auf die in den eddischen Texten berichtete Entwicklung des Gottes Óðinn als Begründer und Bewahrer von Wissen, Sprache und Schrift ein. Abschließend greift der vierte der Óðinn-Texte noch einmal dessen Rolle als "Dichter-Fürst" heraus und fokusiert dessen mythische Rolle hinsichtlich der Dichtkunst und der mündlichen Überlieferung kulturspezifischen Wissens.

Die eigenständige Studie Mál er þylja, die Óðinn schwerlich ausklammern kann, thematisiert dann abschließend die mündliche Dichtung und rituelle Rede der Nordgermanen wie sie den eddischen Dichtungen zu entnehmen ist. Der Schwerpunkt dieser Untersuchung ist dem Þulr, dem altgermanischen Dichter-Sprecher, gewidmet, seiner Beziehung zu Óðinn und seiner gesellschaftlichen Funktion in den altgermanischen Kulturen.

von Dr. Herbert W. Jardner, 2000.



4. Mál er at þylja

Zeichnung, Odin als Krieger In der norrönen Kultur waren drei Spezialisten mit der Produktion besonderer Textsorten betraut, die ein sekundäres modellbildendes System auf der Grundlage einer formal gebundenen Sprache pflegten. Diese Funktionsträger komponierten und überlieferten poetische Texte, deren Fragmente größtenteils in den unterschiedlichen, auf mittelalterliche Handschriften zurückgehenden Sammlungen der Lieder-Edda oder Eddica Minora zusammengefasst sind. Sogenannte lose Strophen (lausavísar) schmücken viele der Fornaldarsögur und Íslendingasögur oder Preislied und Preisdichtung, die in den aristokratischen Kreisen der altgermanischen Kulturen vorgetragen wurden. Obwohl es sich bei diesen Texten um äußerst unterschiedliche Genre, auch um formal sehr verschieden komponierte Dichtungen handelt, und die einzelnen Kompositionen zeitlich weit auseinanderliegen können, sind diese Gattungen doch durch ihre kunstvolle, formal gebundene Sprache als altnordische Dichtung vereint. Deshalb ist auch die große Unterschiedlichkeit der einzelnen Übersetzung in eine andere, insbesondere eine moderne Sprache, von besonderer Schwierigkeit, tangieren diese doch die von Hermann Schmitz und Jurij Lotman vorgelegten Definitionen dessen, was als Dichtung gelten darf.

Die ursprünglichen Autoren dieser Dichtungen sind der Ritual und Kult gestaltende und zelebrierende Dichter-Sprecher (an. þulr), die mehr volkstümliche Wahrsagerin, Seherin, Heilerin und Psychotherapeutin (an. völva) sowie der in skandinavischen Herrscherkreisen tätige Skalde (an. skáld), dessen Kunstform auch im mittelalterlichen Island gepflegt wurde. Es kann nicht ernsthaft bezweifelt werden, dass die norröne Dichtung im Umfeld oraler Traditionen entstand und lange Zeit mündlich tradiert wurde, bevor gelehrte Mönche und mittelalterliche Wissenschaft sie schriftlich fixierte, wenn auch die schon Jahrzehnte währende Debatte zwischen Freiprosa- und Buchprosalehre noch immer keine eindeutige Festlegung wagt. Ob es sich nun um die anonymen Versdichtungen der Lieder-Edda handelt, oder um die der zahlreichen Skalden, die Snorri Sturlusons bis ins 14. Jahrhundert reichendes Skaldenverzeichnis (Skáldatal Danakonunga ok Svía) nennt, um die prosaischen Fornaldarsögur und Íslendingasögur oder um die mythistorischen Werke der Snorra-Edda, der Ynglinga saga und der Heimskringla, ihr Ursprung muss in mündlicher Komposition und Überlieferung gesucht werden.

Aufgrund der Erkenntnisse der oral-formulaic-Theorie beziehungsweise der Oral Poetry-Forschung sowie umfangreicher ethnologischer Feldforschungen der vergangenen fünfzig Jahre weiß man inzwischen, dass mündliche Dichtung weltweit durch eine spezifische formale Struktur gekennzeichnet ist und über ein vorbildlich-verbindlich festgelegtes Repertoire an poetischen (oder prosaischen) Versatzstücken verfügt, die kontextuell und situativ immer wieder anders kombiniert werden können. In der Meisterung dieses Vorrats an Texten, und eines besonderen Vokabulars, besteht die Kompetenz des Dichter-Sprechers, die es ihm ermöglicht, aus dem Stegreif zu improvisieren und zu komponieren. Vor allem die eddischen Dichtungen weisen die von Ethnologen inzwischen ausführlich beschriebene, hochgradig formalisierte mündliche Struktur auf und selbst die kunstvoll getexteten, prosaischen isländischen Sagas scheinen auf ursprünglichere, mündlich tradierte Versatzstücke (an. þættir) und volkstümliche Märchenmotive und Märchenstoffe zu rekurrieren. Der Þáttr als ein solches Versatzstück ist eine novellistische Erzählung, die als längerer Abschnitt in eine spätere Saga integriert wurde beziehungsweise relativ eigenständig, obwohl kompiliert und an veränderte Verhältnisse angepasst, erhalten blieb. Es ist zwar umstritten, dass die mittelalterlichen Autoren ihre Werke auf der Grundlage solcher Þættir schufen, auf narrativen Episoden und kürzeren Erzählmotiven, die ihnen als mündlich tradierte Texte in vielfältigen Versionen vorlagen, von der Hand zu weisen ist diese Vermutung dennoch nicht.

Die Kreativität der altnordischen Dichter und Erzähler, ihre künstlerische Leistung, bestand in der relativ freien Kompilation der ihnen verfügbaren Þættir, die sie zu den literarischen Meisterstücken umarbeiteten, ergänzten und erweiterten, die uns heute als Sagas geläufig sind. So betrachtet scheinen die isländischen Sagas aus der Kompilation oral tradierter Þættir entstanden, ohne allerdings behaupten zu wollen, dass isländische Sagas keine eigenständigen Kunstwerke sind. Isländischen Gelehrten, wie Ari Þorgilsson inn fródi (1068 - 1148), Snorri Sturluson (1178/79 - 1241), Styrmir Kárason inn fródi (gest. 1245) oder Sturla Þórdarson (1214 - 1284), den zahlreichen anonymen Saga-Autoren und namentlich bekannten Skalden (vgl. Skáldatal) oder christlichen Mönchen wie Saxo Grammaticus (gest. 1216), verdanken wir die Verschriftung, Kompilation und Bewahrung dieser Texte. Die eigentlichen Urheber dieser eddischen Dichtung, den in einer hochgradig ritualisierten Sprache verfassten Überlieferungen, auf deren Stoffen und Motiven das künstlerische und wissenschaftliche Werk dieser späteren Dichter und Gelehrten errichtet wurde, waren mündlich dichtende Männer und Frauen, die namenlos im Dunkel der Vergangenheit versunken sind. Das orale Oeuvre, das mittelalterliche Schriftsteller, Skalden und Gelehrte in ein literarisches überführten, besitzt Wurzeln, die tief in die rituelle Praxis der Norröna hineinreichen, gleichgültig ob magisch-religiöse Formel oder genealogisch-dynastische Aufzählung, ob Beschwörung oder Heldensage, mythologischer Merkvers, Rechtsformel oder Sprichwort. Dass diese Dichtungen auf einer mündlichen und rituellen Basis errichtet wurden, in ihrer ursprünglichen Form als aus dem Stegreif komponierte, poetische Dichtung von Dichter-Sprechern verfasst, ist mehr als angemessene Vermutung. Den Spezialisten, die dieses Fundament schufen, und die bisher generell als Dichter-Sprecher bezeichnet wurden, widmet die Untersuchung Mál er þylja ihre Aufmerksamkeit.

von Dr. Herbert W. Jardner, 2004.