Einführung: JRR Tolkiens Werk

1. Imaginationen von der anderen Seite

JRR Tolkien bei der Arbeit Der Sammelbegriff Fantastische Literatur umfasst das Irreale, Surreale, Wunderbare, Übernatürliche, Zauberhafte, Unheimliche, Bizarre, Groteske, Okkulte, Traumhafte, Unbewusste, Halluzinatorische, Visionäre sowie das Gespenstisch-Geisterhafte. Zu dieser Auffassung ermutigt zumindest Gero von Wilpert in seinem Lexikon der Literatur, das die Gattungen aufzählt, die in dieses Genre einfließen. Tolkien findet bei Wilpert allerdings keine Erwähnung, und auch die etablierte Literaturwissenschaft ignoriert ihn beharrlich in ihren Studien und räumt ihm keinen Platz in der schulischen Bildung ein, weder im Deutsch- noch im Englischunterricht.

Die Fantastische Literatur ist in den letzten Jahrzehnten zu einem anerkannten Genre der modernen Schreibkunst geworden, weltweit geht die Leserschaft in die Millionen, von entsprechenden Filmen und Computerspielen einmal ganz abgesehen. In diesem Umfeld ist J.R.R. Tolkien sicherlich Diskursivitätsbegründer, der eine ganze Generation von Autoren des Fantastischen beeinflusste und deren Werk prägte. Inzwischen hat sich auch die wissenschaftliche Forschung, und ganz besonders die Anglistik, dem Werk Tolkien zugewandt.

J.R.R. Tolkien ist wohl der bedeutendste Autor der Fantastischen Literatur, den das 20.Jahrhundert hervorbrachte, zumindest ist er der populärste und meistgelesenste. Mit Hilfe der astrologischen Analyse versucht diese Einführung einen Blick auf Aspekte seiner Persönlichkeit, die die Motivation für sein Schaffen beleuchten.

Die Auseinandersetzung mit einem Werk wie dem seinen, vor allem mit den nordeuropäischen mythologischen Quellen, die er bei der Konzeption seiner eigenen fiktionalen Mythologie nutzte, ist Ziel der Studien zu Tolkiens Werk und Quellen in Vingilot.

Neben einer generellen Einleitung in die fiktionale Mythologie Tolkiens liegt inzwischen der Beginn der Analyse der Earendil-Saga in Vingilot vor. Die Materialien, die für diese Arbeit herangezogen werden, finden sich vor allem in Tolkiens Buch der Verschollenen Geschichten und in seinen verschiedenen Quenta Silmarillion-Versionen. Weitere Kapitel der Analyse der Earendil-Saga werden fortlaufend veröffentlicht. Eine weitere Spezialstudie zu Tolkiens Werk, die hier nur angekündigt werden kann, beschäftigt sich, parallel zu Earendil, mit Tolkiens Kritik des altgermanischen Heldentopos, die erneut auf Erzählungen aus dem Zyklus der Quenta Silmarillion zurückgreift und Rolle und Charakter der beiden anderen bedeutenden Protagonisten der Älteren Tage, Beren und Túrin, thematisiert.

von Dr. Herbert W. Jardner, 1999.



2. Fiktionale Mythologie

Frodo, Film: Herr der Ringe Die Erzählungen von John Ronald Reuel Tolkien sind fiktionale Mythologie und als Genre fantastische Literatur.

Für Tolkien war es wichtig, einen besonderen Wunsch zu realisieren: er wollte eine Mythologie für England schaffen. Er beabsichtigte damit eine Lücke in den traditionellen Überlieferungen seiner Kultur zu schließen, die die normanische Eroberung Englands aufgerissen hatte: eine Sammlung von mehr oder weniger zusammenhängenden Legenden zu schaffen, die von den großen kosmogonischen bis hin zu den romantischen Märchen reichen sollten - die größeren auf den kleineren gründend, in Berührung mit der Erde, die kleineren um den Glanz des weiten Hintergrundes bereichert - ein Werk, das ich einfach England widmen könnte, meinem Lande.

Wenn Tolkiens Bemühen in der Schaffung einer Mythologie lag, dann schwebte ihm sicherlich eine Heldenmythologie vor, eine Heldenepik wie sie der altenglische Beowulf repräsentierte. In seinen alliterierenden Versdichtungen näherte er sich dem eddischen Heldenlied. Weitaus treffender ist es jedoch, den größten Teil der Texte Tolkiens als Erzählungen zu bezeichnen, vergleichbar denjenigen der nordischen Sagaliteratur, einem Genre, für das Jürg Glauser den Terminus Märchensaga vorschlug.

Die mythische Struktur der tolkienschen Erzählweise ähnelt, in der Sprache Jean Gebsers, einem imaginativen Bildbewusstsein, das sich in dem Bildcharakter des Mythos spiegelt und auf die Seele und auf den Himmel, den antiken Kosmos, antwortet. In einem gewissen Sinne sind die Mythen wortgewordene Kollektivtäume der Völker. Solange sie nicht in dichterischer Form dargestellt werden, sind sie unbewusste Vorgänge; ihre bloße Aussage ist noch kein Indiz für ihre Bewusstwerdung, sondern lediglich für ihre Bewusstwerdungs-Möglichkeit. Jeder Bewusstwerdung geht die sie erst ermöglichende Entäußerung dessen voraus, was bewusst werden soll oder will.

Die beiden Termini, Imagination und Bilderschaffen, bilden den Schlüssel zu Tolkiens Werk. Eine kulturelle Epoche, die das mythische Denken nicht mehr pflegt, kann dieses nur noch im Gewand der Fantastik präsentieren oder, wie es Tolkien in seinem Essay Über Märchen nennt, als Zweitschöpfung. Tolkien stellt neben die primäre Welt (Realität) imaginativ eine neben- oder beigeordnete zweite Welt (fiktionale Mythologie oder sub-creation) und nutzt dazu die Macht des Wortes als Medium: Die Entwicklung seiner künstlichen Sprachen erfordert Menschen, die diese sprechen und weiterentwickeln. Ohne Kultur, die deren Existenz und Entwicklung prägt, gibt es keine Menschen und ohne Menschen keinen Mythos, der formend und gestaltend auf die Kultur zurückwirkt. Das ist die kreisende Bewegung, die Jean Gebser als Symbol der mythischen Struktur bezeichnete, die alles Polare umfasst und es ausgleichend in einander bindet. Die innere Folgerichtigkeit der Realität, von der Tolkien in Über Märchen spricht, ist eine in der Mythos, Sprache und Kultur einander reflektieren und die Welt gestalten, der sie ihre Existenz verdanken.

von Dr. Herbert W. Jardner, 2003.



3. Die Earendil-Saga

Zeichnung, Earendil mit Silmarill Earendil ist eine der wichtigsten mythologischen Gestalten im erzählerischen Werk von John Ronald Reuel Tolkien. Eine Analyse dieses in Tolkiens Denken zentralen Protagonisten, dessen Wirken in Mittelerde Tolkien unter verschiedenen Inkarnationen beschreibt, erörtete ich in Vingilot unter drei Aspekten:

Tolkiens Earendil-Saga gehört zu den Erzählungen der Älteren Tage (Legends of the Elder Days), an denen Tolkien lebenslang arbeitete. Diese Sammlung von mythischen Erzählungen und Sagas liegt in drei, im Detail doch sehr verschiedenen Versionen vor, an denen Tolkien zu unterschiedlichen Zeiten seines Lebens immer wieder gearbeitet, die er immer wieder überarbeitet und revidiert hat.

Diese drei Sammlungen von fiktionalen Erzählungen wuchsen aus einer einzigen Wurzel: aus Tolkien Faszination und Begeisterung für die altenglische und altnordische Literatur, generall für die altgermanischen Kulturen. Daneben beflügelte die Mythologie Finnlands, die Kalevala-Edition von Elias Lönnrot, Tolkiens Fantasie und beeinflusste sein Denken über Mythologie. In der Auseinandersetzung mit verschiedenen frühgeschichtlichen europäischen Kulturen verfasste Tolkien zwei Fassungen seiner eigenen, fiktionalen Mythologie:

  • die in zwei Bänden gesammelten Erzählungen in The Book of Lost Tales (Das Buch der Verschollenen Geschichten) und
  • die Versionen der Quenta Silmarillion, die die Verschollenen Geschichten aufgreifen und weiter entwickelten, ohne dass Tolkien dieses literarische Projekt abschließen konnte. Die dritte Fassung der Sagas der Älteren Tage publizierte sein Sohn Christopher Tolkien 1977 postum als die Kompilation The Silmarillion (Das Silmarillion). J.R.R. Tolkien selbst bezeichnete diese Texte seiner fiktionalen Mythographie als Legendarium (atanatárion), eine Sammlung von Heldenliedern, Heldenlegenden und Heldenbiographien, ein Sagenbuch also.

Nach ihrer Fertigstellung umfasst meine Darstellung der Earendil-Saga vier aufeinander bezogene Teile, die fortlaufend in Vingilot.de veröffentlich werden. Das erste Kapitel verfolgt die Entstehungsgeschichte, erläutert Tolkiens Vorstellungen und Ambitionen, sucht in einem ersten Schritt die Quellen auf, die Tolkien zu Earendil führten und gipfelt in einer Synopsis der Saga wie sie der fragmentarische Zustand der tolkienschen Quenta Silmarillion-Manuskripte zulässt.

Das zweite Kapitel der Earendil-Studie erörtert Fragen zum Genre der Erzählung und untersucht die Frage, inwieweit Tolkiens Erzählungen durch seine mythologischen Vorbilder früher europäischer Kulturen beeinflusst sind.
Erst nachdem diese Fragen geklärt wurden, kann im dritten Kapitel der Nachweis angetreten werden, dass nicht nur die narrativen Mittel, die Tolkien verwendet, die nordeuropäischen Mythen imitieren, sondern auch die Figur des Earendil in diesem Umfeld ihren Sitz hat und dort unter verschiedenen Namen bekannt ist.

Das noch nicht publizierte vierte Kapitel meiner Untersuchung greift Tolkiens Konzept des Elbenfreunds wieder auf, das in der Persönlichkeit des Mythensammlers Eriol, eines Nachkommens Earendils, kulminiert. Die Auseinandersetzung mit Eriol, der unter verschiedenen Namen und Rollen Tolkiens Werk bis in den Herrn der Ringe durchstreift, legt ein anderes narratives Mittel Tolkiens offen, das tief in Tolkiens philosophischen und theologischen Einsichten wurzelt.

von Dr. Herbert W. Jardner, 2004.



4. Tolkiens Theorie des Muts

Zeichnung, Beren und Lúthien Wie Tolkiens Protagonisten ihre Quest bewältigen ist Inhalt langer Geschichten von Licht und Finsternis, Humanität und Mut. Die Botschaft, die Tolkien in diesen Erzählungen verkündet, wurde anderen Orts bereits angedeutet: die Verleugnung von Scheitern und Niederlage und das Wissen, dass auch der unwahrscheinlichste Bote seinen Auftrag ausführt. Beren, Frodo und Earendil sind solche Boten, unbeirrbar und beharrlich, Protagonisten des Mutes, heroische Persönlichkeiten, die der Glaube an einen unbeugsamen Willen auch noch im Angesicht eines möglichen Scheiterns auszeichnet.

Tolkiens Theorie des Mutes erinnert an die esoterische Perspektive der anthroposophischen Evolutionstheorie. Diese vertritt die Auffassung, die sogenannten Mutkräfte seien charakteristisch für die nordeuropäische germanische Kultur, im Unterschied zu den südeuropäischen und orientalischen Kulturen.

von Dr. Herbert W. Jardner, 2004.